Montag, 13. Juli 2015

Ohne Alyosha



Als du noch jung warst, bist du gerne gerannt. Ins freie Feld hinein, Meter um Meter, hinter einem Kaninchen her oder einfach so, bis zum Horizont und manchmal sogar darüber hinaus. Aber du hast schnell gelernt, deinen Menschen nicht aus den Augen zu verlieren. Eiltest du beim Spaziergang zu weit voraus, versteckte ich mich oft hinter einem Baum. Wenn du mich dann fandest, freuten wir uns beide.



Dein Temperament war legendär. Kein Abhang war dir zu steil, kein Gewässer zu tief, kein Graben zu breit. Stundenlang konntest du dem Ball hinterherpreschen, den ich dir warf, und wenn er in einer tiefen Schneewehe oder einem dichten Gebüsch verschwand, gabst du nicht auf, bis du ihn mir triumphierend zurückbringen konntest.



Weißt du noch, wie du dir in deinem Eifer beim Apportieren einen Stock durch die Zunge gerammt hast? Wie du von der steilen Kaimauer in den See gesprungen bist und nicht wieder rauskamst? Wie du in einem flachen Gewässer mit den Hinterbeinen im Schlamm stecken bliebst und ich die Feuerwehr rufen musste, damit sie dich mit einem Enterhaken herausangelten? Wie du im Tiergarten verloren gingst und ich dich Stunden später aus dem Polizeigewahrsam abgeholt habe?



Du bist mit mir durch Wälder gestreift, an Stränden entlanggetollt, durch Seen geschwommen und auf Berge gestiegen. Du bist Auto, Bus, Bahn, Taxi, Schiff, Aufzug, Rolltreppe, Fahrrad und Schlitten mit mir gefahren. Du warst mit mir im Theater, im Museum, im Kino, in der Kirche, in Schulen und auf Messen. Du hast mit mir auf Goa-Festivals getanzt und mir bei Lesungen assistiert.




Knapp 40.000 Kilometer sind wir gemeinsam gewandert, du und ich. Fast ein Mal um die ganze Welt, obwohl wir die Grenzen von Berlin/Brandenburg nur selten überschritten haben.

Du warst immer bei mir.

Immer.

Ich weiß nicht, wie es sein wird ohne dich an meiner Seite. Ich weiß nicht, wohin ich gehen soll ohne dich – nicht einmal warum. Ich glaube, es wird entsetzlich wehtun, aber es tröstet mich, dass du jetzt keine Schmerzen mehr ertragen musst. Denn ich habe es dir versprochen damals, als du zum Horizont gerannt und immer wieder zu mir zurückgekehrt bist: dass du niemals sollst leiden müssen.




Kommentare:

  1. Ich weiss noch, wie du mich und Grischa aus dem Gästehäuschen begleiten musstest, weil Alyosha uns sooo freudig begrüssen wollte.

    Von dir habe ich auch erstmal erfahren, was ein Begrif „Hundemagen“ bedeutet. Du hast mich aufgeklärt, während Alyosha sein Napf geleert hat. So eine Geschwindigkeit beim Essen habe ich noch nie beobachtet.

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  2. Was für eine wunderbare Liebeserklärung. Ich bin auch Hundebesitzerin und fühle mit Dir mit.

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