Aljoscha Brell: Kress




Wann hat es das zuletzt gegeben? Ein Newcomer, erst 35 Jahre alt und bisher ohne Veröffentlichungen, der einen Roman liefert, gegen den man so gut wie gar nichts einwenden kann. Nein, nennen wir es ruhig beim Namen: den man lieben muss! Denn mit Kress bietet Aljoscha Brell ein Lesevergnügen, das alle erforderlichen Ingredienzen aufweist: eine ebenso witzige wie tragische Story, einen außergewöhnlichen, präzise charakterisierten und ziemlich antiheldischen Helden und eine sehr nuancenreiche, kraftvolle Sprache.

Kress ist Student. Seit sieben Jahren. Er haust in einer heruntergekommenen Neuköllner Bude, ernährt sich von Toast mit Ketchup, besitzt weder Computer noch Telefon, und sein einziger Gesprächspartner ist ein Täuberich, der täglich auf seinem Fensterbrett landet und den Kress mit „Gieshübler“ (und „Sie“) anspricht – eine zauberhafte kleine Reminiszenz an Fontane. Auch wenn Kress sich schwerpunktmäßig mit Goethe beschäftigt.

Kress fühlt sich der gesamten Welt, insbesondere aber seinen Kommilitonen, haushoch überlegen. „Der ganze Punkt daran, er, Kress, zu sein, der Punkt an der Art und Weise, wie er sein Leben eingerichtet hatte, das war doch die Vorstellung, besser zu sein als die anderen: sich nicht in irgendeine dahinplätschernde Seichtigkeit zu ergeben, sondern tiefer zu sein, mit tieferen Einsichten, tieferen Gefühlen.“

Auf diese zumindest unkonventionelle Weise verwandelt Kress seine himmelschreiende soziale Inkompetenz in eine Art Auserwähltheit. Die Verachtung, die er seinen Mitmenschen entgegenbringt – jenen, die Partys feiern, Handys oder Laptops benutzen und miteinander in Beziehung stehen –, sublimiert er durch seine Eigenwahrnehmung. Das ermöglicht ihm, die Schuld für alles, was in seinem Leben nicht optimal läuft, im Hedonismus und der Oberflächlichkeit der anderen zu suchen.

Dennoch ist Kress kein glücklicher Mensch. „Unzufrieden“ ist wohl das meistverwendete Adjektiv in diesem Roman, denn es läuft keineswegs immer so, wie Kress das gerne hätte. Zu seinem Verdruss haben diese plappernden, geist- und sendungslosen Wesen um ihn herum häufig einfach bessere Karten, sei es bei der Bewerbung um eine Stelle als studentische Hilfskraft, sei es in der Liebe.

Ja, Liebe spielt auch für Kress eine Rolle, wie er widerstrebend erkennen muss; sie trifft ihn genau genommen wie ein Blitzschlag, als eine blonde junge Studentin zu spät ins Seminar kommt und den Platz neben ihm einnimmt. „Die Verspätung“, wie er sie von nun an nennen wird, bringt seinen wohlgeordneten und völlig isolierten Alltag ins Schwanken. Er lässt sich herab, an einem Zeltausflug ins Brandenburgische teilzunehmen, findet sich unversehens in einem Technoclub wieder und haust schließlich sogar wochenlang in einer leer stehenden alten Schule. Er wird zum Ladendieb, zum Betrüger, zum Einbrecher und zum Stalker – alles aus Liebe. Dass diese unerwidert bleibt, dürfte kaum überraschen. Jedenfalls … aber ich will nicht zu viel verraten.

Dazu ist es viel zu unterhaltsam, Kress dabei zu begleiten, wie er unbeholfen, selbstgerecht und mit mühsam konstruierter Würde durch das Chaos seines Lebens stolpert, wie er immer wieder von jenen überholt wird, die ihm so aus tiefster Seele zuwider sind, und wie sein harter Schutzpanzer zahlreiche Schrammen und Risse bekommt. Man möchte Kress nicht persönlich kennenlernen, aber trotzdem kann man einfach nicht anders, als ihn gern zu haben, weil er einen mit seiner Steifheit, mit seinen gelegentlichen Ausbrüchen ungeregelter Gewalt und seiner absurden Selbstüberschätzung eben doch irgendwie rührt.


Aljoscha Brell ist für mich die Entdeckung des Jahres, und ich kann sein nächstes Buch kaum erwarten!

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