Donnerstag, 5. November 2015

Jonathan Franzen: Unschuld





Das vielleicht einzige Wort, mit dem man Jonathan Franzens neuen Roman zusammenfassen kann, lautet „monumental“. Bei 830 Buchseiten geht diese Beurteilung zugegebenermaßen nicht sonderlich in die Tiefe. Trotzdem fällt es – nicht nur wegen seines enormen Umfangs – schwer, dem Buch mit den gängigen Mitteln der Literaturkritik gerecht zu werden.

Unschuld gliedert sich in sieben Teile, von denen jeder mit einem Wechsel der Perspektive einhergeht. Der erste beschreibt Purity Tyler, genannt Pip, macht mit ihrem Alltag und ihrer etwas schwierigen Mutterbeziehung vertraut, und schildert die erste Kontaktaufnahme zwischen ihr und dem deutschen Whistleblower Andreas Wolf. Sie interessiert sich hauptsächlich deshalb für ihn, weil sie hofft, endlich etwas über ihren Vater herauszufinden, den sie nie kennengelernt hat.

Der zweite Teil rollt die Jugend und den Werdegang dieses Andreas auf. Auch er leidet unter einer schwierigen Mutterbeziehung. Aus Liebe zu einem jungen Mädchen wird Andreas zum Mörder. Diese Schuld prägt sein Leben. Der Untergang der DDR gibt ihm die Chance, seiner ständigen Angst vor Entdeckung zu entkommen und zugleich zum Liebling der Medien zu werden.

In Teil drei begegnen wir Tom und Leila, die beide als Journalisten für das investigative Online-Magazin Denver Independent arbeiten. Privat sind sie ein Paar. Tom scheint immer noch von seiner Exfrau beherrscht zu werden scheint, die seit fünfundzwanzig Jahren vollständig aus seinem Leben verschwunden ist. Pip Tyler fängt als Rechercheassistentin beim Denver Independent an, zieht schließlich sogar bei dem Journalistenpaar ein, und es deutet vieles darauf hin, dass sie Toms leibliche Tochter ist. Die beiden behalten diese Vermutung allerdings für sich.

Mit dem vierten Teil wird erneut ein chronologischer Rückwärtssprung vorgenommen. Hier steht wieder Pip im Mittelpunkt, die in das bolivianische Los Volcanes aufbricht, um bei Andreas Wolfs Sunlight Project mitzuarbeiten. Dieses Projekt deckt Skandale auf, enthüllt Korruption, Verbrechen und Unregelmäßigkeiten, und Andreas ist seine glanzvolle Galionsfigur. Es fällt Pip schwer, sich in das Team einzufügen, aber Andreas umwirbt sie heftig und bringt sie schließlich dazu, sich bei Tom einzuschleichen, denn er fürchtet, dass dieser – als einziger Mitwisser des Mordes, den er 1987 begangen hat – ihm schaden könnte.

Der fünfte Teil – der einzige, der in der Ich-Form erzählt wird – ist Toms Rückblick auf seine Liebe zu Anabel, also Pips Mutter. Es ist eine amour fou, quälend, rasend, obsessiv und unmöglich. Die beiden kommen einfach nicht voneinander los, obwohl sie sich offensichtlich nur Schaden zufügen. Einer der Streitpunkte ist Geld. Anabel entstammt einer schwerreichen Unternehmerfamilie und könnte über ein gewaltiges Erbe verfügen, was sie jedoch radikal ablehnt.

Im sechsten Teil erleben wir die Welt wieder aus der Sicht Andreas Wolfs. Auch er kann sich nicht von seiner Liebe zu Annagret lösen, jenem Mädchen, für das er seinerzeit den Mord begangen hat. Er scheint am Ziel seiner Wünsche zu sein, als sie Jahre später endlich ein Paar werden, doch das Glück erweist sich als schal. Die Beziehung scheitert, und Andreas bringt sein Sunlight Project zum Erfolg. Doch verstärkt quälen ihn wieder Schuldgefühle. Die Angst vor einer Enthüllung des dunklen Flecks in seiner Vergangenheit steigert sich immer mehr zur Besessenheit, je reiner und unbefleckter sein Ruf als Verkünder der Wahrheit, als „Überbringer des Sonnenlichts“ wird. Schließlich beherrscht sie seinen Geist so stark, dass er zum Wahnsinnigen wird. Er nimmt sich das Leben.

Teil sieben muss also – den Regeln des Romans folgend – die Auflösung, das Zusammenlaufen der Fäden bringen und tut dies auch. Wie im ersten und im mittleren Kapitel ist Pip wieder die zentrale Person. Sie ist in ihr vorheriges Leben zurückgekehrt, hält sich mit Jobs über Wasser und lebt wieder in einem besetzten Haus mit anderen sozialen Randfiguren zusammen. Kurz vor seinem Suizid hat Andreas ihr Toms „Memoiren“ – also Teil fünf des Buches – zugemailt. Sie weiß nun also, wer ihr Vater ist, und sie weiß vor allem auch, dass sie die Tochter einer Milliardenerbin ist. Im Finale versucht sie die Abwehr ihrer Mutter gegen dieses Erbe ins Wanken zu bringen und sorgt für ein Wiedersehen ihrer Eltern.

Man könnte Unschuld also im weiteren Sinne als Familienroman bezeichnen, auch wenn dieser Begriff angesichts der enormen Komplexität des Buches recht harmlos daherkommt. In erster Linie tut es das, wofür Franzen bekannt ist und wofür er auch so geliebt wird: Es erzählt Geschichten. Unzählige Storys, manche absurd, manche alltäglich, sorgen für die feinen und feinsten Verästelungen der Handlung. Unschuld ist wie ein Fraktal, das sich scheinbar ins Unendliche verzweigt. Es erzählt nicht nur die Geschichte von Pip Tyler, ihren Eltern und Andreas Wolf, sondern auch noch die jener Personen, die mit ihnen zu tun haben, sei es beruflich, privat oder zufällig, und (fast) jede dieser Geschichten hat ihren eigenen Charme und öffnet wieder ein neues eigenes Universum.


Dabei verliert Franzen trotzdem niemals das große Ganze aus den Augen. So verspielt und verschnörkelt seine Erzählstruktur auch sein mag, sie bleibt doch zielorientiert, steuert auf einen Zusammenhang, einen Überbau, eine Auflösung hin, und das ist eine bewundernswerte Leistung. Zu den besonderen Stärken dieses Romans zählt auch seine wunderbare Sprache, der Reichtum an Formulierungen und Begriffen, weder nervtötend experimentell noch ermüdend abgedroschen. Immer findet Franzen das richtige Wort, häufig so präzise, dass es bis in den nächsten Absatz nachklingt und beim Leser das angenehme Gefühl erzeugt, exakt zu wissen, was hier ausgedrückt werden soll. Dazu braucht es weder Adjektiv-Dumping noch langatmige Beschreibungen. Franzens Sätze sind wie mit leichtem Pinsel hingetupft und erzeugen trotzdem immer ein Bild. 

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