"Mein Volk liebt mich!"

Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel im Renaissance-Theater, Regie: Tina Engel

Drei Diven treffen nach und nach mit ihren Limousinen vor dem Renaissance-Theater ein, erwartet von einem beflissenen, leicht gelangweilten Mann mit Schirm, der sie ins Innere des Hauses und auf die Bühne begleitet.



Es sind die Dikatorengattinnen Margot, Imelda und Leila, und Gottfried fungiert als ihr Dolmetscher. Die Damen haben sich zu einer Pressekonferenz versammelt, denn ihr Leben soll verfilmt werden. Doch bis dahin bleibt noch ein bisschen Zeit – für Selbstdarstellung, für Zickenterror, für Grabenkämpfe und überraschende Koalitionen, für Träume, Realitätsverleugnung und späte Erkenntnis.

Handlung gibt es kaum und Action noch weniger, aber dennoch wird dem Zuschauer nicht eine Minute langweilig. Denn mit jedem Wort, mit jeder Geste enthüllen die drei entthronten First Ladys und ihr traumatisierter Dolmetscher mehr von ihren grotesken Persönlichkeiten.

Margot (herrlich kaltschnäuzig: Corinna Kirchhoff) im schlichten, herben Businesskostüm und mit Big-Size-Lederbeutel weigert sich, nach der Flugreise ihre Armbanduhr umzustellen, und will auch nicht den vorgegebenen Weg zur Bühne zurücklegen: „Ich bin noch nie im Leben von links nach rechts gegangen.“ Sie erinnert sich immer noch voller Begeisterung und Verblendung an die guten alten Zeiten, an Abendeinladungen bei Stalin und an die Fichtendämmerung von Wandlitz. Sie habe immer alles richtig gemacht, beharrt sie unnachgiebig. „Sollen die sich doch bei mir entschuldigen!“




Die sinnenfrohe, schönheitsliebende Imelda dagegen (brillant und bezaubernd: Imogen Kogge) sieht sich nach wie vor im bejubelten Mittelpunkt. „Mein Volk liebt mich!“ Begeistert erzählt sie von blumengeschmückten Bühnen und Makrönchen, von ihren „Schuhen, die Weltgeschichte geschrieben haben“, und dass demnächst eine Oper über ihr Leben aufgeführt werden soll, hält sie für die einzig angemessene Umsetzung. Natürlich konnte sie es nie jedem recht machen, deshalb waren ja auch 500 von ihren 800 BHs schusssicher – das macht zwar fett, kann aber auch das Leben retten, denn: „Zu jedem bedeutenden Leben gehört auch ein Attentat. Die Bedeutung eines Lebens wächst mit seinen Feinden.“

Leila (raffiniert naiv: Judith Rosmair) ist die einzige der drei Damen, deren Mann noch lebt – allerdings muss er sich gerade vor Gericht wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit rechtfertigen. Unbegreiflich für Leila, die sich mit ganz anderen Problemen herumplagt: „Plötzlich war ich auf allen Tittenblättern. Als ob ich das gewollt hätte!“ Und dabei wirft sie die Haare zurück, schlägt die langen Beine übereinander und klimpert mit dem Goldschmuck an ihrem Handgelenk wie ein beleidigtes Supermodel. Geltungssucht und Weinerlichkeit prägen jedes ihrer Worte, es sei denn, es gibt ein paar Spitzen gegen eine der anderen beiden Damen zu platzieren.

Gottfried (quirlig und ausdrucksstark: Boris Aljinovic) ist mit dem Dolmetschen zwischen diesen schwierigen Parteien leicht überfordert, und das nicht nur, weil er vormittags noch auf einer Fischzüchterkonferenz über Quarantänebecken und Karpfenläuse sprechen musste, sondern auch, weil ihn mit Margot – oder dem, für das sie einmal stand – eine gemeinsame Vergangenheit verbindet. Beinahe erliegt er wieder ihren stählernen Parolen („Es gibt eben Zeiten, da muss man auf eine Kindheit verzichten!“), doch schließlich setzen sich die Verletzungen durch: Was war so falsch an ihm, dass er nie dazugehören durfte, obwohl er doch in der Schule nicht schlechter war als die anderen?

Verständlich also, dass er nicht alles wortgetreu übersetzt, was die drei befehlsgewohnten Damen so sagen, und damit einige vorprogrammierte Konflikte entschärft, andere jedoch erst auslöst. Und wie (wenig) überraschend solidarisch sich die geballte Frauenpower erweist, wenn es darum geht, den servilen, nervösen Übersetzer abzukanzeln und zum Teufel zu jagen!


Die gelegentliche Übersteigerung zum Slapstick, etwa wenn Gottfried in den Kühlschrank gesperrt wird, Leila ihre Leitungswasserphobie in Gebärdensprache erläutert oder Margot die Urne entrissen wird und Erichs Asche auf die Darsteller herabregnet, ist grenzwertig, tut aber dem Vergnügen keinen Abbruch. „Es kommt eine Zeit, da wird mein Mann wieder gebraucht!“, ist Margots unerschütterliche Überzeugung. Bis dahin sollten wir dieses wunderbare Stück von Theresia Walser aber noch genießen!


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