Dienstag, 24. Mai 2016

Jobst Mahrenholz: Haus aus Kupfer


Dieser Roman entführt den Leser nach Italien, an den Wohnsitz einer wohlhabenden Familie, die durch den Handel mit Kupfer zu Macht und Reichtum gekommen ist. Zur Beerdigung des alten Lu, der bisher die Zügel fest in der Hand gehalten hatte, reisen alle Pedettis an – nicht nur, um ihm die letzte Ehre zu erweisen, sondern auch, weil es die Pfründe neu zu verteilen gilt.

Für den 17-jährigen Giacomo ist der Verlust seines Vaterersatzes bitterer als für die meisten anderen Verwandten. Doch er wird von seiner Trauer abgelenkt, als seine Cousine und liebste Spielgefährtin aus Kindertagen Felia mit ihren Eltern eintrifft – nun allerdings als Felice und mit eindeutig männlichem Erscheinungsbild.

Felices neue Identität sorgt innerhalb der Familie Pedetti für mehr Aufruhr als der Tod des greisen Oberhauptes. Es scheint, als sei Giacomo der Einzige, der sich für Felice einsetzt und ihn verteidigt. Durch geschicktes Taktieren und das Ausspielen der machthungrigen Erben gegeneinander gelingt es ihm schließlich, Felices Position innerhalb der Dynastie zu stärken – und sein Herz zu gewinnen.

Haus aus Kupfer erzählt abwechselnd aus Giacomos und Felices Perspektive und erzeugt damit eine Identifikation mit beiden Protagonisten. Felices Transidentität und die Widerstände seiner Mitmenschen gegen seine „Verwandlung“ werden eindringlich und nachvollziehbar geschildert. Auch Giacomos Verwirrung ist glaubwürdig dargestellt: Der erklärtermaßen schwule Junge hatte sich schon zu Felice hingezogen gefühlt, als dieser noch im Körper eines Mädchens lebte.

Die Ränke und Intrigen rund um die Erbfolge geben dem Roman seinen Rahmen, doch aufgrund der Vielzahl der Verwandten und ihrer geschlossen negativen Grundhaltung fällt es streckenweise schwer, sie als Individuen wahrzunehmen und auseinanderzuhalten. Die grantige Zita und ihr Schatten Eva bilden da eine angenehme Ausnahme.

Die Erzählperspektive wechselt häufig und in unregelmäßigen Abständen; ein Wechsel wird jeweils durch den Namen desjenigen Protagonisten angekündigt, der im Folgenden berichtet. Da beide Ich-Erzähler im selben Alter sind und auf derselben Seite der Ereignisse stehen, habe ich dabei gelegentlich den Überblick verloren. Auch sprachlich unterscheiden sich die Passagen nicht erkennbar voneinander.

Dennoch liest der Roman sich gut: Der Stil ist flüssig, die Formulierungen frei von abgedroschenen Klischees, es gibt kurze, prägnante Sätze und elegante, verschachtelte Konstruktionen, welche die traditionsbewusste, etwas dekadente Atmosphäre im Stammsitz der italienischen Kupferdynastie gelungen widerspiegeln.

Der Roman gibt einen umfassenden und sehr persönlichen Einblick in die Transidentität. Bei einem derart komplexen Thema kann zwangsläufig nur ein Teil aller damit verbundenen Dilemmata angesprochen werden, doch dies hat Jobst Mahrenholz sensibel, nachvollziehbar und authentisch getan. Felices schwieriger und oft schmerzlicher Weg in sein wahres Ich wird auch diejenigen Leser packen, die sich mit Transgender-Fragen bisher nicht beschäftigt haben, und die zarte, fragile Liebesbeziehung zwischen ihm und Giacomo ist berührend.


Jobst Mahrenholz: Haus aus Kupfer, Dead Soft Verlag, 244 Seiten, 11,99 Euro

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