Montag, 19. September 2016

Gentrifizierung und Kinderwunsch: Florian Scheibe über seinen zweiten Roman "Kollisionen"





Kollisionen heißt der zweite Roman des Berliner Autors Florian Scheibe, der vor wenigen Tagen bei Klett-Cotta erschienen ist. Gefeiert wurde dies durch eine Buchpräsentation im Literarischen Colloquium, denn in der dortigen Autorenwerkstatt hat Florian bei der Arbeit an seinem Manuskript Unterstützung und Inspiration gefunden.


Drei Figuren stehen im Mittelpunkt des Romans, und abwechselnd wird aus der Perspektive jeweils einer davon erzählt. Auf der einen Seite steht das Paar Carina und Tom, Ende dreißig, beruflich erfolgreich genug, um sich eine Penthouse-Wohnung mit „authentischem“ Blick auf den Drogenpark leisten zu können.

Carina ist Immobilienmaklerin, eine disziplinierte, zielstrebige, nüchterne „Powerfrau“ mit den üblichen politisch korrekten Vorstellungen von Ernährung und Lebensführung. Sie wünscht sich ein Kind, scheint jedoch auf natürlichem Wege nicht schwanger werden zu können.

Ihr Partner Tom schreibt Kolumnen für ein Stadtmagazin und möchte gerne der ideale „neue Mann“ sein, was allerdings immer wieder an seiner Unausgewogenheit von Emotio und Ratio scheitert. Dass Carina nicht von ihm schwanger wird, unterminiert seine Männlichkeit.

Mona ist eine 16-jährige Drogenabhängige, die im Park unterhalb jener Penthouse-Wohnung ihren Geschäften nachgeht. Sie ist aus einem erfolgsfixierten wohlsituierten Elternhaus geflüchtet und erwartet ein ungewolltes Baby von einem jungen osteuropäischen Obdachlosen.

Aus den Begegnungen dieser drei Personen und ihren jeweiligen Ängsten, Wünschen und Irrwegen entwickelt sich die Handlung von Kollisionen, einem urbanen, stellenweise satirisch-ironischen Gesellschaftsroman, der dennoch seine Figuren nicht bloßstellt, sondern jeder ihre Berechtigung und Glaubwürdigkeit bewahrt.

Ich traf Florian Scheibe, der bereits mehrere Kurzgeschichten in der Berliner Literaturzeitschrift Storyatella veröffentlicht hat, vorab zu einem Interview in Kreuzberg.


Viele Aspekte deines Romans wirken sehr authentisch, beispielsweise die Darstellung der Kinderwunschbehandlung. Auch die Drogenszene, in der Mona sich bewegt, hast du sehr plastisch beschrieben. Wie bist du bei der Recherche vorgegangen?

Ich habe wie viele andere auch mit elf oder zwölf Wir Kinder vom Bahnhof Zoo von Christiane F. gelesen und war davon total fasziniert. Ich hatte damals das Gefühl, Heroin wäre vielleicht sogar meine Droge, und deshalb würde ich auf jeden Fall die Finger davon lassen. Ich habe aber immer in Gegenden gewohnt, wo sehr viele Drogen konsumiert wurden. Das hat mich interessiert, und ich habe mir die Frage gestellt, wie man sich so kaputtmachen und sehenden Auges in den Abgrund marschieren kann. Ich kenne auch viele Sozialarbeiter. Mit dieser gesellschaftlichen Realität, der Drogenszene und da vor allem Heroin hatte ich immer ziemlich viele Berührungspunkte.

Ich glaube, dass Sozialarbeit in diesem Bereich nur funktioniert, wenn sie eine akzeptierende ist. Ich glaube nicht an Sozialarbeit, die einen cleanen Anspruch hat. Wenn jemand von der Droge runterkommt, ist das natürlich toll, aber man weiß ja nur schon vom Rauchen, wie schwer es ist, damit aufzuhören. Wenn man das mal hochrechnet auf eine Droge, die wirklich eine Wirkung hat … Das kann nur aus den Menschen selber kommen, und da müssen auch viele Ressourcen da sein, ein Boden, auf dem sie stehen können, damit sie das hinbekommen.

Du beschreibst in deinem Roman die Schauplätze so, dass man sie als Berliner auf Anhieb wiedererkennt. Trotzdem nennst du weder Orts- noch Straßennamen. Der Schauplatz von Kollisionen bleibt also anonym. Warum?

Ganz am Anfang war mal die Überlegung, dass der Roman explizit im Prenzlauer Berg spielt. Ich wollte Carina und Tom in einem Viertel wohnen lassen, das so gut wie gar keine Drogenproblematik hat, und Mona da reinkommen lassen. Aber davon habe ich dann wieder Abstand genommen, weil das viel erklärungsbedürftiger gewesen wäre. Jetzt spielt sich die Handlung tatsächlich zwischen Wiener Straße und Paul-Lincke-Ufer ab. Da kann man diese Gegensätze auch wirklich gut beobachten, Stichwort Gentrifizierung. Und wenn man fünf oder zehn Jahre nach vorne schaut, kann man sich vorstellen, dass es diese Gegensätze nicht mehr gibt.

Ich habe beim Schreiben gemerkt, dass es mir widerstrebt, die Orte konkret zu benennen. Das kann ich gar nicht begründen, es war eher so ein Bauchgefühl. Hinzu kamen auch die Überlegungen des Verlags, dass Kollisionen nicht als Berlin-Roman vermarktet werden sollte. Meine Absicht war ohnehin, keinen Berlin-, sondern einen Großstadt-Roman zu schreiben, insofern rannte das bei mir offene Türen ein. Als ich diese Entscheidung dann getroffen hatte, war das ein gutes Gefühl. Ich konnte die Orte beschreiben, aber trotzdem mit einem neuen Blick wie aus der Vogelperspektive auf die Stadt gucken wie auf eine Insel. Das war für mich genau richtig.

Ich hätte den Wunsch, dass auch jemand in Frankfurt oder in Zürich sich vorstellen kann, dass die Handlung dort stattfindet. Es ist natürlich lustig, dass trotzdem jeder sofort Berlin darin wiedererkennt, selbst Menschen, die noch nie in Berlin waren.

Kollisionen ist im Rahmen der Autorenwerkstatt am Literarischen Colloquium Berlin entstanden. Wie kann man sich das vorstellen? Welche Bedingungen musstest du dafür erfüllen?

Normalerweise ist die Autorenwerkstatt für Autoren, die noch nichts veröffentlicht haben. Aber das war eine Ausnahme, explizit eine Autorenwerkstatt für das zweite Buch, und das fand ich natürlich toll, weil es mir auch die Tür geöffnet hat. Die Idee dahinter war, dass ein erster Roman zwar schwierig, der zweite aber noch viel schwieriger ist. Diese Erfahrung kenne ich vom Schreiben, die kenne ich auch vom Filmemachen. Das Zweite ist immer das schwerste.

Natürlich ist das auch eine Vermarktungsfrage. Ein Debüt lässt sich für den Verlag besser verkaufen. Auch das ist beim zweiten Buch schwieriger, vor allem wenn das Debüt jetzt nicht so der Erfolg war.


Die zehn Teilnehmer dieser Autorenwerkstatt hatten also alle schon einen Roman veröffentlicht, manche erst kurz vorher, andere schon weiter zurückliegend. Das war sehr spannend, weil alle schon eine gewisse Erfahrung mit dem Betrieb hatten. Man arbeitet dann an vier Wochenenden im Vier-Wochen-Abstand von Herbst bis Frühjahr an seinen Texten. Man widmet sich immer einen kompletten Tag lang einem Text, den hat dann jeder gelesen, und es gibt immer einen Tandempartner, der das versucht zu moderieren. So kommen dann sehr fruchtbare Diskussionen zustande. Und es sind natürlich auch Freundschaften daraus entstanden.

Bevor ich zur Autorenwerkstatt eingeladen wurde, steckte ich mit meinem Roman fest. Es gab nur den Anfang, und ich war mir unsicher, ob daraus überhaupt ein ganzer Roman entstehen würde. Aber durch die Teilnahme habe ich dann daran weitergearbeitet. Es gab auch eine Lesung auf der Leipziger Buchmesse, und dort habe ich meinen Agenten kennengelernt. So kam die Vermittlung zu Klett-Cotta zustande.

Gibt es denn schon ein Projekt Nummer drei?

Ich habe mir immer gesagt, bevor Kollisionen rauskommt, müsste ich eigentlich etwas Neues in der Mache haben, damit mich das, was jetzt an Rezensionen kommt oder auch was nicht kommt, nicht mehr so tangiert. Ich habe viel darüber geredet und habe das allen gesagt, und natürlich hat’s nicht geklappt.

Es gibt zwar ein Thema, aber es gab noch keine konkrete Idee. Ich war lange auf der Suche nach der geeigneten Szene, nach dem Einstieg. Immer wieder dachte ich, jetzt hab ich’s, und dann habe ich auch geschrieben, aber es war doch nicht das Richtige. Aber jetzt ganz aktuell habe ich – hoffe ich jedenfalls – etwas, das auch weitergeht. Ich hab auch Lust dazu. Wenn ich schreibe, bin ich deutlich zufriedener, als wenn ich nicht schreibe. Deshalb war ich auch in den letzten Monaten etwas schwierig für meine Umwelt.




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