Donnerstag, 21. Juni 2018

Der Augenöffner: Caos Conzept und Antaris



Kurz nach der Wende in Fehrbellin, einer kleinen Gemeinde im Landkreis Ostprignitz-Ruppin. Die meisten der rund 8.000 Einwohner trauern um vergangene Zeiten, die noch nicht durch eine Zukunft ersetzt worden sind. Arbeit gibt es praktisch keine mehr, Berlin ist 60 Kilometer und damit eine halbe Welt entfernt. Viele resignieren und machen sich darauf gefasst, dass sich in ihrer Heimat nichts mehr voranbewegt.

In diesem Ort wächst Martin auf, der von seinen Freunden nur Harty genannt wird. Dem tristen Grau der stillgelegten LPGs und dem Dauergrün der Wiesen und Wälder ringsum setzt er etwas entgegen: je bunter, desto besser. Er sprüht Graffitis mit Action-Abenteuer-Motiven, wie er sie aus dem Fernsehen kennt. So bringt er Farbe und Abwechslung in sein Leben.

Foto: Martin Hartmann
Als er sechzehn ist, hören er und seine Freunde von einem Festival, das draußen auf dem Acker stattfinden soll: das Antaris Project. Etwas anderes gibt es am Wochenende ohnehin nicht zu tun, also radeln die Jungs hinaus, um sich die Sache mal anzusehen. „Das war die Initialzündung“, beschreibt Martin diesen Moment heute. „Die Farben, die Deko, das ganze Drumherum, das wirkt ja,
als wenn die Hippies aus den Sechzigern jetzt Techno hören. Es war der absolute Augenöffner für mich.“


Von nun an ist er jedes Jahr dabei, wenn im Sommer zu Goamusik der Fehrbelliner Acker bebt. Er weist die Fahrzeuge auf dem Parkplatz ein, hebt Kabelgräben aus, verdient sich ein bisschen Geld dazu und lernt immer mehr Leute kennen, die Buntheit genauso lieben wie er. Und vor allem fängt er an, seine Farberlebnisse in Kunst umzuwandeln.

„Angefangen habe ich mit String Arts. Damals war die ganze Deko ja String Arts.“ Seine leuchtenden Kreationen verschönern spontane Open-Air-Partys im Umland. Martin malt und experimentiert mit verschiedenen Materialien.

Eines Tages kommt der Antaris-Veranstalter Uwe Siebert zu Besuch und sieht das großformatige 3-D-Objekt aus Holz, Bauschaum, Styropor und Draht, an dem Martin gerade arbeitet. Der notorische Talentefinder ist sofort begeistert und gibt gleich acht Stück davon in Auftrag, um sie bei der nächsten Antaris im Jahr 2005 rund um den Second Floor aufzustellen. Hier bekommt Harty auch zum ersten Mal die Möglichkeit, seine Bilder und T-Shirts in einem Festival-Shop zu verkaufen. Caos Conzept ist geboren.

Foto: Martin Hartmann
„Uwe hat dabei eine ganz wichtige Rolle gespielt. Er hat mir die Chance gegeben, meine Werke einer breiten Masse zu präsentieren und damit Geld zu verdienen“, betont der 38-Jährige.

Foto: Martin Hartmann
Inzwischen blickt Martin auf eine Reihe eindrucksvoller Aufträge als Künstler zurück. Er hat einen exklusiven Kundenstamm – „viele Dänen und Holländer, aber kaum Deutsche“ –, die seine Originale kaufen und sammeln. Um seine psychedelischen 3-D-Schwarzlichtbilder und Skulpturen auch für die Festivalbesucher mit schmaleren Portemonnaies zugänglich zu machen, bietet er sie als Drucke und Poster an. 

Martin macht Live-Painting in Open-Air-Galerien, er war auf allen namhaften deutschen Festivals wie Voov, Psy Circus, Indian Spirit, Freqs of Nature oder Spiritual Healing als Künstler vor Ort und ist nun sogar für die Ozora in Ungarn gebucht. Er hat am Artwork des legendären Bildbandes „Goa – 20 Years of Psychedelic Trance“ von Tom Rom und Pascal Querner sowie des Szenemagazins „Mushroom“ mitgewirkt. Außerdem sind etliche Schwarzlicht-Minigolfanlagen in ganz Deutschland Caos-Conzept-Produkte.

Seit 2013 gestaltet Harty die offiziellen Crew-T-Shirts für das Antaris-Team. Auch die Festivalbesucher können seine Shirt-Kreationen kaufen, entweder direkt am Stand oder über seinen Online-Shop, in dem er zudem Bilder, Poster und Backdrops anbietet.


„Ich mache keine Deko, sondern Einzelkunstwerke“, sagt Martin. Der gelernte Möbeltischler, dem es in der Wendezeit schwergefallen war, in seinem Beruf unterzukommen – „ich wollte keinen Innenausbau machen, keine Einbauregale oder Küchenschränke“ –, hat eine Nische gefunden, in der er seine Kreativität, sein handwerkliches Geschick und sein außergewöhnliches Gespür für Farben zum Einsatz bringen kann. „Was fehlt, ist das Marketing“, seufzt Martin. Er wäre dankbar für jemanden, der ihm diese Aufgabe abnimmt, damit er sich auf die künstlerische Tätigkeit konzentrieren kann.


In seinem Haushalt gibt es weder Fernsehen noch Radio, aber es läuft den ganzen Tag Musik, die ihn beim Malen inspiriert. „Ambient und psychedelische Rockmusik“, erläutert Harty. „Nichts Schnelles.“

Bei seinem aktuellen Auftrag besteht der Soundtrack allerdings eher aus Straßenlärm: Für den neu eröffneten Goa-Shop Marandai in der Gneisenaustraße 99 gestaltet er die Fassade. Skizziert hat er seine Vorstellungen auf einem simplen A4-Blatt.


Die Umsetzung an der Wand erfolgt ohne Vorzeichnung, nur mit dem Pinsel in der einen und einem kleinen Farbtiegel in der anderen Hand. Da sitzt jede Linie, jeder Schwung, es entstehen perfekte Parallelen und organische Formen von reinster Harmonie.


Harmonie ist es übrigens auch, was ihn immer wieder zur Antaris zieht. Für ihn ist die Atmosphäre dort einzigartig, und aufgrund seiner Erfahrung mit anderen Festivals kann Harty das gut beurteilen. „Die Antaris ist für mich eine rituelle Veranstaltung. Alle kommen zusammen und schwingen auf einer Wellenlänge gemeinsam auf dem Dancefloor.“ Der Austausch und die Gespräche, die hier stattfinden, „sind wirklich etwas anderes als auf einem Dorffest. Das geht über alle Grenzen hinweg.“

Umso mehr freut sich Martin, dass seit zwei Jahren auch seine Mutter zum Antaris-Stammgast geworden ist. Er hat ihr als Erstes gezeigt, wie man sich am Wasserwerfer der Freiwilligen Feuerwehr eine Abkühlung verschafft, und sie dann auf den Dancefloor geführt. Und dort fühlt sie sich, allen anfänglichen Vorbehalten zum Trotz, ausgesprochen wohl. Sie ist auch im Juli 2018 wieder mit dabei.




Donnerstag, 14. Juni 2018

Wo der Hammer hängt: Hermann und Antaris

Foto: Katja Kirseck


Ein einziges Antaris-Festival hat er verpasst: das allererste in Rüdersdorf. Aber dieser Fehler ist Hermann danach nie wieder unterlaufen.

Als der gelernte Fischer 1995 noch ein paar Tage Resturlaub hatte und ein Kumpel ihn mit zu „so einer komischen Party in Fehrbellin“ nehmen wollte, war Hermann zunächst skeptisch. Seine Musik ist eigentlich mehr Blues und Rock, in diesem Genre hat er auf dem heimischen Hof auch jahrzehntelang Partys mit mehreren hundert Gästen organisiert.

Bei der Antaris dagegen kannte er nur drei Leute, einer davon Veranstalter Uwe, der wie Hermann aus der Gegend um Nordhorn stammt. Zu seiner Verblüffung wurde er jedoch so herzlich aufgenommen wie das lang vermisste Mitglied einer weitläufigen Familie. Und Hermann konnte sich sofort nützlich machen: Den Anblick von durstigen Gerüstbauern bei den Festivalvorbereitungen fand er so tragisch, dass er mit ein paar Bierflaschen behände zu ihnen hinaufkletterte. Das machte Eindruck. Jemanden wie ihn konnte man gebrauchen.


Hermann ist mit Leib und Seele Handwerker. Er kann nicht nur selbst mit allen vorstellbaren Werkzeugen umgehen, sondern weiß auch, wo man sie am günstigsten bekommt, wie man sie am geschicktesten einsetzt und wer für ihre Handhabung am besten geeignet ist. „Wenn ich nicht weiterweiß, muss ich mir den Richtigen suchen, der sich damit auskennt“, bringt er seine Philosophie auf den Punkt. So hat er sich im Laufe der Zeit ein verlässliches Netzwerk geschaffen.


Ideale Bedingungen also, um die technischen und handwerklichen Tätigkeiten, die für den Aufbau eines Festivals erforderlich sind, zu koordinieren und überall dort mit anzupacken, wo es hakt. Seit zehn Jahren ist Hermann technischer Leiter des Antaris Project. „Zwei Mal hab ich den Job abgelehnt, dann wurde ich von den anderen einfach dazu bestimmt.“ Hermanns verschmitztes Lächeln bei diesen Worten lässt die Vermutung zu, dass ihm schon Schlimmeres passiert ist im Leben.

Foto: Katja Kirseck

Ihm verdanken wir übrigens auch die Frischwasserversorgung während der Festivaltage. In Stölln wurden dazu unter seiner Leitung eigens drei Brunnen gebohrt. „Das Wasser hat Trinkwasserqualität“, sagt Hermann. „Das ist besser als das Stadtwasser.“ Und es ist hart erarbeitet. Wegen der besonderen geologischen Situation sind die Brunnen teilweise über 20 Meter tief und erfordern Spezialpumpen.

Der 59-Jährige ist auch verantwortlich für die Auswahl der Abbauhelfer. „Meine eigenen Leute sind da schon über vierzehn Tage auf dem Acker“, sagt Hermann. Entlastung durch Partygäste, die sich nach Festivalende hier noch ein bisschen Geld für die Heimreise verdienen, ist also herzlich willkommen. Es gibt allerdings ein Ausschlusskriterium für die Bewerber: „Wenn die jeden Pups ausdiskutieren wollen.“

Inzwischen hat Hermann sich nicht nur an die Musik gewöhnt, sondern macht seinen Job auch mit großem Vergnügen. „Am liebsten würde ich noch mehr praktisch arbeiten“, sagt er, aber dazu ist er zu sehr mit der Einteilung der Arbeitskräfte, der Problemlösung und dem Kontakt mit Handwerksfirmen beschäftigt. Für seinen Einsatz beim Antaris Project geht regelmäßig sein Jahresurlaub drauf. „Aber ich wollte den Uwe nicht hängenlassen. Der ist ein uralter Freund von mir.“


Der leidenschaftliche Motorradfahrer bleibt auch unter Belastung entspannt. „Der Tag hat ja 24 Stunden, und wenn das nicht reicht, nehmen wir die Mittagspause dazu.“ Diese Gelassenheit ermöglicht es dem „Sitztänzer“, trotz hoher Arbeitsanforderungen die Atmosphäre des Antaris-Festivals aus vollem Herzen zu genießen. „Der Umgang ist immer sehr friedlich. Jeder Schützenverein hat da mehr Stress.“