Gastbeitrag von Ole Olsen: Kreuzfahrer in Not


Ein Bardialog


Die kleine Jazzband packt ihre Instrumente ein. Die laue sternklare Tropenluft lässt Hotti ein wenig an der Ocean Bar verweilen. Er schaut auf das vom Mondschein phosphoreszierende Schraubenwasser.

Etwas unterbricht diese Ruhe. Sein müdes Haupt dreht sich nach backbord, sprich links, und da sitzt eine Dame und schnattert, ohne Luft zu holen.

„Hallo, Seemann, Sie sehen sehr einsam aus.“

„Wen meinen Sie?“ Er lauscht der leisen Barmusik.

„Natürlich Sie, mon capitain.“ Dabei schiebt sie eine blonde Strähne aus ihrer Stirn. „Ich dachte, mal ein Schwätzchen mit einem echten Admiral.“ Grinsend nippt sie an ihrem Cocktailglas.

„Wo ist ein Admiral?“ Hotti nimmt sich ein paar Erdnüsse.

„Ich erkenne auf den ersten Blick einen Stabsoffizier im höheren Rang! Sie tragen ja Ihren hellen Leinenanzug wie eine Paradeuniform.“

„Darf ich Sie auf einen Drink einladen? Und dann gehen Sie bitte.“

„Oh, Casanova hat heut schon Feierabend“, sie lächelt bezaubernd. „Na, ein Drink kann ja nicht schaden, und, mon général, Ihr Glas ist ebenfalls leer.“

„Ein leeres Glas bedeutet die totale Kapitulation!“ Er schmunzelt ein wenig schelmisch.

Madame nickt in Richtung Barchef. „Sammy, bitte zwei Gin Tonic doppelt, ohne Eis und wenig Tonic, please.“ Dabei rascheln Armadas von goldenen Armbändern um ihren von der Tropensonne goldbronzen getönten Arm.

Die Drinks kommen, und Hotti entspannt sich langsam. Wenn die Geschmeide echt sind, dann trägt Madame einen Mittelklassewagen spazieren, denkt er. „Oh, Madame haben Geschmack.“

„Ich reise zweihundertzehn Tage im Jahr auf Kreuzfahrtschiffen, und ich erkenne sofort Pfeifen und Männer mit Stil.“ Sie hebt grazil ihr Glas.

„Dann sind Sie aber an der falschen Bar. Ich bevorzuge die Einsamkeit.“

„Du bist mir ja ein Spaßvogel. Bist auf einem amerikanischen Kreuzfahrtschiff in Südostasien und magst keine Menschen. Auf diesem Liner tummeln sich auf engstem Raum circa dreitausend Menschen aus allen Nationen unserer Welt.“

„Wenn ich an Bord allein sein möchte, finde ich immer den richtigen Platz. Zur Not gehe ich auf meinen Balkon und lese ein Buch.“ Sein Blutdruck steigt leicht an.

„So einen hirnverbrannten Mist hab ich ja noch nie gehört. Du sitzt jeden Abend auf deinem Stammbarhocker, trinkst Rosé und lächelst die blonde Jazzsängerin mit Stielaugen an. Jeden Morgen Punkt acht bist du mit deinem persönlichen Trainer zugange. Mit deinen einsneunzig scheinst du noch recht gut unterwegs zu sein.“

„Oh, Madame sind von der CIA oder dem KGB.“

„Nein, Kleiner, so interessant bist du nicht. Ich fand dich nur von Weitem nicht so unattraktiv.“ Dabei schlägt sie anmutig ihr linkes Bein über das rechte Knie.

„Jetzt fangen Sie auch noch zu lügen an. Nur weil Ihr Drink in null Komma nichts leer ist. Möchten Sie noch einen?“ Er grinst und verschüttet einen großen Schluck Gin. Denn Tonic befand sich nicht in diesen Longdrinks.

„Wie du dich benimmst, da kann ich davon ausgehen, dass bei dir Ebbe in der Hose herrscht.“

Dieser Spruch macht Hotti schlagartig nüchtern. Seine Männlichkeit wurde infrage gestellt. Er nimmt sein Gegenüber mit ein wenig vom Alkohol verhangenen Augen ins Visier. Die Lady ist Ende vierzig. Ihr Gesicht wirkt jugendlich und sieht nicht nach Skalpell aus. Sie ist leider eine Nervensäge.

Verehrteste, Ihre Glanzzeiten sind schon ein wenig …, geht es Hotti durch den Kopf, nur: Schweigen ist Gold.

Er schaut in ihre graugrünen Augen und sieht dreizehn goldene Sommersprossen auf ihrer Nase. Er befiehlt seinen Hormonen: „Jungs und Mädchen, schön artig bleiben!“

„Ich als militanter Nichtraucher kann mir als Friedenspfeife einen Drink an der White Bar auf Deck vier vorstellen.“

„Ich wusste, du bist kein Stoffel, falls du überhaupt den Begriff kennst.“ Sie bewegt wirkungsvoll ihre Beine in die andere Richtung.

„Madame, seit wann duzen wir uns denn?“, sagt er, gefühlt fünf Stunden zu spät. Dabei denkt er: Diese Beine gehören nach Hollywood.

„Kleiner, hör mal auf, den Vornehmen zu spielen. In meinen Kreisen reden wir uns nur mit dem Vornamen an.“

Hotti ist total verwirrt. Duzen sich nicht nur Handwerker und Ganoven schnell? Aber diese Dame, er kennt nicht einmal ihren Namen, ist eine Frau von Welt oder aus der Halbwelt.

„Madame, darf ich mich vorstellen. Ich heiße Max Horst, für meine Freunde kurz Hotti. Mein Angebot steht, auf zur White Bar“, verneigt er sich leicht beschwipst.

„Ich bin Mary aus Vermont.“ Kleine sympathische Lachfalten spielen um ihren Mund.

„Mary, mein Kompliment, dein Deutsch ist perfekt.“

„Ich wurde in Ramstein geboren, mein Vater war Pilot bei der U.S. Air Force.“ Sie streckt sich geschmeidig. Ihr schwarzes eng anliegendes Cocktailkleid betont ihre Figur. „Was deine Sicherheit angeht, ich bin heute Nacht dein Schutzengel“, flüstert sie und lacht.

„So viel Schnaps kann dieser Seelenverkäufer nicht an Bord haben! Lieber gehe ich mit einer Gelbotter oder einer Boa Constrictor ins Bett. Prost ‒ oh, mein Glas ist leer. Und, Baby, was nun?“

„Langsam gefällst du mir besser, also ab zur White Bar.“

Kommentare

  1. Herzlichen Glückwunsch zum Veröffentlichen. Obwohl nur Dialog kommen die Charaktere gut rüber. Hotti, der beziehungsgestörte Eigenbrödler unfähig sich dem Charme der attraktiven Dame zu entziehen. Und der Klassiker die Endvierziegerin, die ihr langweiliges, geldgeschwängertes Leben auf Kreuzfahrtschiffen verbringt. Echt schaurig. Ich möchte eigentlich nicht wissen, wie es weitergeht, aber die Trostlosigkeit ist hervorragend herausgearbeitet. Mit Gänsehaut verabschiede ich mich.

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