Inspiration der Elster: Interview mit André Mumot



Geisternächte heißt der zweite Roman von André Mumot, auf den ich vor allem deshalb aufmerksam wurde, weil der Verlag ihn als „literarischen Spannungsroman“ bewarb. Er erzählt von einer Zehnjährigen, die um ihren Bruder trauert, und rollt mit quälender Unausweichlichkeit die Umstände auf, die zu seinem Tod führten. Dabei spielen nicht nur familiäre, sondern auch gesellschaftliche Fehlentwicklungen eine traurige Rolle. Komplexe Handlungsebenen, psychologischer Tiefgang und eine meisterhafte Sprache: Das Buch löste bei mir so viel Begeisterung aus, dass ich noch während der Lektüre Kontakt mit dem Berliner Autor aufnahm und ihn bat, mir für ein Interview zur Verfügung zu stehen.

Meine erste Frage zielte auf die Verwendung der Natur- und insbesondere der Tiermotive ab, die mir ausnehmend gut gefallen hatte. Ich erfuhr, dass Märchen André Mumot generell in ihren Bann gezogen haben, insbesondere aber das wenig bekannte Grimm’sche Märchen vom Machandelbaum. Nachdem er auch noch die darauf beruhende Oper The Juniper Tree von Philip Glass gesehen hatte, ließ das Thema den promovierten Kulturwissenschaftler nicht mehr los. „Die Geschichte hat mich sehr fasziniert und vor allem die Frage, ob man sie auf eine realistische Weise erzählen könnte, also heute, in der Gegenwart.“

Allerdings verwandelt sich in der Grimm’schen Vorlage ein Junge in einen bunten Vogel, um Rache zu üben. Wie lässt sich dieses unverkennbar fantastische Element in eine realitätsbezogene moderne Erzählhandlung übertragen? Es war diese Überlegung, die Mumot zu der intensiven Beschäftigung mit dem Vogel-Motiv zwang. „Wenn man so ein Motiv im Kopf hat, achtet man plötzlich anders auf die Dinge, und man sucht auch vielleicht ein bisschen“, sagt er. „Man schaut genauer hin und denkt: Kann ich da was verwenden?“


Dass aus dem Fabelvogel im Roman Geisternächte schließlich eine Elster wurde, war eigentlich eine Verlegenheitslösung, verrät der Autor und Übersetzer. Bei seiner Arbeit im vierten Stock beobachtete er häufig eine Elster auf dem Dach gegenüber. Er begann, die mythologische Bedeutung dieses Tiers zu erforschen, und fand heraus, dass sie in älteren Kulturen als Überbringerin der Nachrichten von Toten gilt. „Als ich das gelesen habe, sind mir fast die Augen aus dem Kopf gefallen. Ich dachte: Das ist genau das, was ich brauche. Das ist ein magischer Moment, wenn man so eine Entdeckung macht“, beschreibt André Mumot sein Heureka-Erlebnis.

Die Transformation eines Märchens mit zahlreichen Fantastik-Elementen in eine fast schon brutal realistische Gegenwartshandlung mit wunderbar präzisen Beobachtungen ist ihm gelungen, und für die Umwandlung des Vogelrache-Motivs hat er eine überzeugende Lösung gefunden.

(c) Eichborn

Bei der Covergestaltung durfte Mumot ein bisschen mit Hand anlegen. Der Vorschlag des Eichborn-Verlags enthielt zwar bereits alle Elemente, die auf dem fertigen Buch zu sehen sind, aber „die Schrift war orange und viel kleiner, und der Vogel war nur ganz klein in der Ecke“. Dass der Schriftsteller auch grafisches Talent hat, bewies er mit einer Skizze der von ihm bevorzugten Version – die wurde vom Verlag ohne Umstände akzeptiert und umgesetzt.

Eine weitere Auffälligkeit in Geisternächte ist die Parallele zwischen einer der Hauptfiguren, dem Schriftsteller und Märchenforscher Arvid Schönfeld, und Thilo Sarrazin. Ich wollte wissen, ob André Mumot die Ähnlichkeit beabsichtigt habe.

„Ja, das war so gewollt“, bestätigt der Autor, der auch als Kritiker und Redakteur für den Deutschlandfunk Kultur arbeitet. „Und mir war sehr wichtig, dass er kluge Dinge sagt. Die größte Gefahr ist, dass das so ein Idiot ist und der Leser bei jedem dritten Satz denkt: Der redet doch nur Blödsinn, wer glaubt denn so einen Mist?“ Mumot hat seine Figur bewusst anders angelegt. „Er sollte ein kluger Mensch sein, sodass man bei den meisten Dingen denkt: Ja, stimmt ja auch irgendwie.“ Doch damit verfolgt er eine tiefere Absicht: „Die Frage ist, was steht da für ein Menschenbild dahinter? Wem arbeitet das eigentlich zu?“ 


Im Roman wird schnell deutlich, dass der eloquente und gelassene Schönfeld hinter den Kulissen ganz andere Charakterzüge aufweist und in allerhand düstere und weit verzweigte Machenschaften verwickelt ist. Interessanterweise, so sagt André Mumot, wurde die Sarrazin-Parallele bisher von der Kritik kaum aufgegriffen. Dabei gäbe es dafür eine Steilvorlage, denn in derselben Woche wie Geisternächte ist auch die Feindliche Übernahme des ehemaligen SPD-Politikers erschienen. Anders als auf die Umschlaggestaltung hatte Mumot darauf allerdings keinen aktiven Einfluss.

André Mumot: Geisternächte, Eichborn, Hardcover, 416 Seiten, 22 Euro

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