Gastbeitrag von Jamila Al Asmari: Die verlorene Reinheit



Laila stand vor dem Spiegel in der Küche und betrachtete sich. Sie war vor drei Monaten achtzehn geworden. Ja, sie war schön. Ihre Eltern hatten recht, wenn sie sagten: „Du bist schön wie eine Perle, rein und leuchtend. Der Mann, der dich einmal heiraten darf, wird sich glücklich schätzen.“

Sie lächelte dann immer nur bescheiden, wie sich das für ein junges Mädchen aus gutem, konservativ-religiösem Haus gehörte. Bis vor zwei Monaten hatte sie das Gymnasium besucht. In sechs Monaten hätte sie ihr Abitur machen können. Dass sie als Mädchen so lange zur Schule gehen durfte, war etwas ganz Besonderes in ihrem Dorf. „Ein schönes Gefäß sollte auch einen schönen Inhalt haben, und ich hoffe, es findet sich ein Mann, der das auch so sieht, in shā‘ Allāh“, begründete es ihr Vater.

Außerdem hatte sie als älteste Tochter, solange sie sich erinnern konnte, ihre jüngeren Geschwister liebevoll betreut und war mit allen Arbeiten im Haushalt vertraut. Sie schien die ideale Ehefrau zu sein.

Aber ihre Eltern kannten nicht ihr Geheimnis, und sie würde ihnen dieses Geheimnis auch niemals anvertrauen. Das würde ihnen das Herz brechen.

Vor ein paar Wochen hatte völlig unerwartet ein Mann bei ihrem Onkel väterlicherseits vorgesprochen und gesagt, dass er sie heiraten wolle. Er wohnte in einem eigenen Haus in der benachbarten Stadt, war Geschäftsmann und zehn Jahre älter als sie. Dem Onkel und später ihrem Vater hatte er alle Papiere vorgelegt, die seinen einwandfreien Leumund und seinen Besitz bezeugten.

Ihre Eltern hatten ihr erst dann von ihm erzählt, als klar war, dass es keinerlei Einwände gegen diesen Mann gab. Sie wusste, dass er eine gute Partie war und ihre Eltern die Hochzeit wünschten. Trotzdem wurde sie gefragt. Das war durchaus Tradition. Der Mann musste sich in ihrem Beisein bei der Familie vorstellen und mit ihr ein paar Worte, auch unter vier Augen, reden. Beide musste sich dann baldmöglichst entscheiden.

Wenn sie einer Heirat zustimmte, musste sie ihr Elternhaus verlassen und zur Familie des Mannes oder in sein Haus ziehen. Dies allein war ein schrecklicher Gedanke. Ihre Eltern würden sie niemals zu einer Ehe zwingen, wenn sie gute Gründe gegen den Mann anführen könnte. Angst vor der Fremde zählte allerdings nicht.

Als ihr klar wurde, dass sie in den nächsten Wochen ihre Familie und ihr Zuhause verlassen musste und Ibrahim niemals wiedersehen durfte, da geriet sie in Panik. Ibrahim war ein Jahr jünger als sie und seit vielen Jahren der Tochter seines Onkels versprochen. Mit ihm verband sie seit der Kindheit eine enge Freundschaft, und deshalb hatte sie ihn um ein Treffen gebeten.

Sie trafen sich, wie schon oft in den letzten Jahren, in einem kleinen Schuppen auf dem Bauernhof seiner Eltern. Beide wussten, dass sie zum letzten Mal so heimlich und intim zusammen sein konnten. Laila klammerte sich an ihn, und Ibrahim versuchte, sie zu trösten. Beide weinten, und die seit Jahren zurückgehaltenen Gefühle brachen ungebremst über sie herein. Sie küssten und umarmten einander wie nie zuvor.

Bisher hatten sie immer die erforderlichen Grenzen beachtet, denn ihnen war klar, dass sie niemals heiraten konnten. Heute in diesem Gefühlschaos aber hatte Laila plötzlich das Bedürfnis, ihrem allerbesten Freund ganz nah zu sein. Als sie den kleinen Schmerz zwischen ihren Beinen fühlte, wusste sie, dass sie ihm ihre jungfräuliche Reinheit geschenkt hatte, und ein unbekanntes Glücksgefühl ließ sie erschauern. Sie hatte gesündigt, ja, aber sie hatte ihre Reinheit dem Mann geschenkt, der sie verdient hatte, und sie nicht für einen Wildfremden aufgehoben, der ihr nichts bedeutete.

An all das dachte sie, während sie vor dem Spiegel stand und ihre langen schwarzen Locken und den zarten Hals unter einem mit goldenen Fäden bestickten weißen Kopftuch versteckte. In ein paar Minuten würde sie diesen Mann erstmals treffen. Angst stieg in ihr hoch.

Sie hatte lange nachgedacht und sich entschieden, ihm die Wahrheit zu sagen. Er konnte sich dann ja gegen sie entscheiden, ohne ihren Eltern den wahren Grund zu erzählen. Darum würde sie ihn bitten, und er würde dieser Bitte nachkommen, schon aus Respekt vor ihren Eltern. Sie hätte sich natürlich in der nächsten Großstadt einer kleinen Operation zur Wiederherstellung ihrer Jungfräulichkeit unterziehen können, wie es viele Mädchen vor ihr gemacht hatten. Aber das wollte sie auf keinen Fall. Mit Lüge und Betrug eine Ehe zu beginnen war sicher nicht geeignet, um eine begangene Sünde wiedergutzumachen.

Wenn er ein guter Mann war, dann würde er ihre Ehrlichkeit zu schätzen wissen, und sie konnte ihn wegen seiner Großzügigkeit eines Tages lieben. Ihre Mutter hatte über ihn gesagt: „Er schaut aus wie ein junger Prinz. Seine Stimme ist so warm wie die Sonne am Abend, und seine Augen strahlen die Güte aus, die das Herz beflügelt.“

Ich werde bald wissen, ob sich hinter seinem Lächeln wahre Güte verbirgt, dachte sie. Alles wird so kommen, wie es vorbestimmt ist, in shā‘ Allāh.

Und ihre Angst verschwand.


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