Dienstag, 20. Dezember 2016

Im eigenen Saft

Die deutsche Literaturlandschaft hat einen wachsenden Drang zur Zerstückelung. Damit meine ich nicht blutrünstige Thriller, in denen die Opfer scheibchenweise tranchiert werden – zumal die nach wie vor meist aus den USA kommen –, sondern die Aufteilung in Genres, Untergenres und Unter-Untergenres.

Jedes Buchmanuskript, das deutsche Autoren am Markt platzieren und veröffentlicht sehen wollen, muss sich so kleinteilig wie möglich kategorisieren lassen. „Roman“ genügt nicht − wer soll denn so was kaufen? Wir kaufen ja schließlich auch keinen Saft. Wir wollen Ananas-Guave-Nektar, Johannisbeer-Rhabarber-Schorle, Papaya-Direktsaft oder Minze-Spinat-Mango-Smoothie, kalorienarm gesüßt, ohne Konservierungsstoffe, frisch gepresst, aus biologischem Anbau, in der Glasflasche, in PET mit und ohne Pfand oder im Tetrapak.



Im Lebensmittelhandel ist die Kennzeichnungspflicht längst Alltag, im Buchhandel beginnt sie sich gerade durchzusetzen. Krimi? Was heißt denn hier Krimi? Schweden, Ostsee oder Eifel? Blutig, literarisch oder satirisch? Kapitalverbrechen oder Kleinkriminalität? Frauen-, Männer-, Jugend- oder Kinderkrimi? Alternder einsamer Ermittlerwolf, junges, durchgestyltes Duo oder zehnköpfiges Spezialistenteam? Oder wird der Fall von Katzen, Schafen oder Heuschrecken gelöst?

Die Verlage haben zu kämpfen. Sie sehen sich einer unkontrollierbaren Welle von Selfpublishern, kostenlosen Online-Plattformen, Audioformaten und Push-Story-Anbietern für das Smartphone gegenüber, und denen müssen sie etwas entgegensetzen, um ihr Geschäftsmodell – den guten alten Verkauf von Büchern – in die Zukunft tragen zu können und weiterhin saftige Gewinne zu erzielen.

Der Endverbraucher will genau wissen, was drin ist, ehe er kauft. Auch das Buch ist ein Konsumgut, und der Kunde möchte sich gründlich informieren, ob es in seinen Lifestyle passt oder unerwünschte Zutaten enthält, auf die er allergisch reagiert, zum Beispiel männliche Protagonisten, Rückblenden oder Kapitel von mehr als zwanzig Seiten. Andere Zutaten dagegen sind besonders begehrt, darunter Gestaltwandler, Morde vor der eigenen Haustür, raffinierte Mädchen, dominante Männer (sofern sie sehr, sehr gut aussehen), antriebsarme Ich-Erzähler, historische Landschaften und Berghain-Partys.


Die Verlage haben das längst verstanden. Nur die Autoren hinken da ein bisschen hinterher. Die glauben immer noch, Literatur folge denselben Gesetzen wie die Saftherstellung vor dreihundert Jahren: Sie pflanzen den Kern ihrer Idee ein, verfolgen über Jahre hinweg ihr Wachsen und Gedeihen, pflegen ihr kleines Bäumchen, düngen und wässern, beschneiden seine Äste, wenn es zu wild wuchert, und trägt es endlich Früchte, dann wählen sie die schönsten davon aus, pflücken sie, legen sie behutsam einzeln in einen gepolsterten Korb, tragen sie nach Hause, waschen, schälen und entkernen sie und pressen sie sorgfältig zu einem süßen, dickflüssigen, köstlichen Getränk.

Liebe Autoren, ihr habt Recht. So entsteht Literatur.

Aber wollt ihr nun Romane schreiben oder Bücher verkaufen? Da müsst ihr euch schon entscheiden!


1 Kommentar:

  1. Schöne Bilder und ein interessanter Beitrag. Für mich schließt sich ein guter Roman und eine präzise Einteilung/Ausrichtung aber nicht aus. Die Frage ist wohl eher, ob wir unser Manuskript auf den Markt zuschneiden oder später einem (oder mehreren) Unter-Unter-Genre zuordnen...

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