Die wiedergefundene Unschuld



Früher war ich ein Literaturjunkie. Ich habe Bücher nicht gelesen, ich habe sie verschlungen. Andere Frauen kauften sich Schuhe, ich kaufte mir Schmöker. Wenn ich an solche Orte wie das Dussmannhaus ging (eine Art Bücherparadies in Berlin), nahm ich nur eine sorgsam kalkulierte Menge Bargeld mit und ließ meine Kreditkarten zu Hause. Sonst wäre ich in Schwierigkeiten gekommen.

Die Erfindung des E-Books hat meine Wohnung gerettet, ich hatte einfach zu viele Bücher und grundsätzlich mehr Buch als Regal. Die leichtere Verfügbarkeit und der geringere Preis waren die Antwort auf meine Gebete. Man konnte immer und überall alles lesen, was man gerade wollte. Das Genre war mir egal, Hauptsache, das Buch war gut.

Als ich im April 2016 meine Ausbildung an der Schule des Schreibens begann, lernte ich nicht nur, wie man einen Roman konzipiert und es durchhält, ihn bis zu Ende zu schreiben. Nein, ich lernte auch eine gefühlte Milliarde Regeln, die Stil und Ausdruck betrafen. Und dann geschah etwas Unangenehmes: Ich konnte mich nicht mehr auf Bücher einlassen, sondern analysierte sie.

Mir fiel auf, was nach diesen Regeln nicht okay war: Hier war ein Partizipalkonstrukt verwendet worden, da hatte jemand im Passiv geschrieben, dort war eine Szene, die die Handlung nicht weiterbrachte. Ich mäkelte an Spannungsbögen, an nicht perfekten ersten Sätzen oder Klappentexten herum. Da wäre Show, don’t tell angebracht gewesen, hier ist ein Handlungsfaden aufgemacht worden, der hinterher nicht abgeschlossen wurde, dort gab es einen Infodump und o Graus! ein Perspektivfehler! Und was sollte eigentlich dieser Dialog dort? Klar, er brachte mich zum Schmunzeln, aber er erfüllte keinen Zweck für den Roman.

Statt Prosa las ich vermehrt Fachliteratur, belegte Onlinekurse und kaufte Schreibratgeber im Überfluss. Natürlich hatte ich keine Chance, das geballte Wissen, das auf mich einstürmte, sofort selbst umzusetzen. Es ist mit dem Schreiben ein wenig so wie mit der Mathematik: Bevor man in der Lage ist, selbst Beweise zu führen, musste man die Beweise anderer nachvollziehen können, und zwar nicht nur ein paar, sondern Unmengen.

Und plötzlich las ich nicht mehr gern, weil ich den Analysten in meinem Kopf nicht zum Schweigen bringen konnte. Bücher, die ich früher geliebt hatte, verursachten nun keine Freude mehr. Ich trauerte um das gestohlene Bücherglück, aber fand keinen Weg, es zurückzuholen. Schließlich las ich kaum noch, nur wenige Sahnestückchen schafften es, mich bei der Stange zu halten. Irgendwie hatte ich in meine Leseunschuld verloren. Das betraf natürlich nicht nur die Bücher anderer Autoren, sondern auch meine eigenen, die alles andere als perfekt waren.

Und vor ein paar Wochen geschah ein kleines Wunder. Ich lernte in einem Webinar eine sehr sympathische Autorin kennen, Selfpublisherin wie ich selbst. Wir führten nach der Veranstaltung ein zweistündiges Telefonat, und anschließend lud ich mir die erste Trilogie herunter, die sie geschrieben hatte.

Die Bücher sind nicht perfekt. Als ich nach einem Satz gleich drei Ausrufungszeichen entdeckte, bekam mein innerer Analyst Schnappatmung (Satzzeichen sind keine Rudeltiere!), doch die Story war so mitreißend, dass ich einfach nicht aufhören konnte zu lesen. Ich las die drei Bücher innerhalb von neun Tagen, obwohl die Printausgaben der Romane zusammen über 1700 Seiten haben. Dafür habe ich sogar auf einen Teil meines Schlafes verzichtet.

Es war wie früher: Ich konnte in die Geschichte abtauchen, mit den Charakteren mitfiebern und vergoss auch ein paar Tränchen. Am Ende habe ich wohlwollend genickt, wenn sich die Ausrufungszeichen paarten. Meine innere Lesestimme reagierte auf sie und betonte solche Sätze anders als die mit einem einzelnen Ausrufungszeichen.

Die Bücher haben mir deutlich gezeigt, was mir im restlichen Leben völlig klar ist: Ein paar kleine Makel ändern nichts an der Großartigkeit des Gesamtbildes, manchmal machen sie es sogar noch besser.

Natürlich werde ich jetzt nicht für jedes Buch brennen, aber ich habe eine wichtige Lektion gelernt: Auch ein ungeschliffener Diamant ist immer noch ein Edelstein und damit ein sehr wertvolles Gut.

Wer wissen möchte, welches Buch mich wachgerüttelt hat, kann hier klicken: Link. Oder als E-Book-Sammelausgabe hier: Link

Kommentare


  1. Da hast Du nicht ganz Unrecht. Natürlich sieht man mehr. Die Lust am Lesen und Abtauchen hat es mir nicht genommen. Ehrlich gesagt beruhigt es mich, wenn Unperfektes in den Druck geht. Das kann ich allemal, denke ich dann und strecke meinem inneren Zensor die Zunge raus.
    Das Leben ist viel zu kurz, um sich über Belanglosikkeiten aufzuregen. Bücher, die einem nicht berühren, einfach weg legen. Schade um die Zeit.
    Sich nicht über die Menschheit erheben, "nur" weil man schreibt. Freude empfinden, dass jemand es geschafft hat!!!!
    Mit oder ohne Ausrufezeichen.
    Auf den Schwächen herumzuhacken lenkt natürlich prima von seinen Eigenen ab.
    Wer es nötig hat.
    Danke für den Buchtip. Und viel Spass beim Schreiben und schöne Bücher finden.

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