Gastbeitrag von Caroline Kemps: Auf ganzer Linie



Endlich Feierabend. Schwerfällig schob Ruth den Putzwagen vor sich her. Ihre Schritte schlurften geräuschlos über das Parkett der Galerie. An schmerzfreien Tagen imitierte sie eine Eiskunstläuferin. Die Pantoffeln mit der weichen Mikrofasersohle luden geradezu dazu ein. Wie auf einer glatten Eisschicht glitten sie leichtfüßig über den Boden und gaben ihr für einen Moment das Gefühl, die grazile, atemberaubende Eisprinzessin zu sein, wie sie es sich immer als Kind gewünscht hatte. Bis zu ihrem Unfall kurz vor dem entscheidenden Wettkampf. Sie seufzte.
Heute taten ihr die Beine weh. Ein langer Tag lag hinter ihr. Sie machte eine Umschulung. Seit Monaten bereitete sie sich auf die Abschlussprüfung vor. Die Angst vor dem Scheitern ständig im Nacken. Nicht unbedingt die hellste Kerze im Leuchter zu sein verfolgte sie. Ihre Mutter hatte den Spruch in irgendeiner Talkshow aufgeschnappt und seitdem regelmäßig platziert. Die Nörgeleien hatten Spuren hinterlassen.

Bei der Erinnerung trat sie fest mit den Pantoffeln auf. Die Erleichterung, die ihr das sonst bescherte, blieb heute aus. Ein stechender Schmerz fuhr in ihre Hüfte, und Ruth schloss für einen Moment die Augen. Wenn sie ihrem Therapieplan nicht geradlinig folgte, dann bekam sie das augenblicklich zu spüren.

Also keine Pirouetten auf dem Parkett. Das war auch nicht nötig, so wie sie heute geschuftet hatte.

Im Büro am Ende des Flures brannte Licht. Verdammt. Sie hasste es, gestört zu werden. Wer zum Teufel war zu so später Stunde noch hier? Hatten diese Kunstfritzen alle kein Zuhause?

„Hallo?“, rief sie aus sicherer Entfernung. Das Tippen setzte für einen Moment aus, und das blasse, spitze Gesicht der schwarzhaarigen Galeriebesitzerin tauchte im Türspalt auf. Die schmalen Lippen verzogen sich zu einem flüchtigen Lächeln, das die Augen nicht erreichte. „Wer sind Sie?“

Die Hände in die Hüften gestemmt, schnaubte Ruth beleidigt. Den ganzen Tag schuftete sie wie eine Halbirre, und die Ignoranz reizte sie. Noch nicht einmal ihren Namen kannte dieses blasierte Etwas. Die Wut, die sie wie ein Faustschlag beim Anblick dieser dürren Zicke traf, überrannte sie lawinenartig.

„Ich bin die Putzfee von der Firma Glanz oder gar nicht. Ich komme seit einem Jahr regelmäßig und beseitige die Schweinereien, die sich hier im Laufe des Tages ansammeln.“

Die Chefin starrte Ruth irritiert an und ließ ein verständnisloses „Ah“ hören.

Ruth sah rot. Wenn sie ihre Erregung nicht augenblicklich in den Griff bekam, war sie den Job mal wieder los. Sie atmete tief durch.

Frau von Hofstett, so hieß die Galeristin, lehnte erschöpft am Rahmen der Tür und rieb sich die Schläfen. „Es tut mir leid, dass Sie so viele Umstände haben.“ Die Stimme war angenehm warm und beruhigte Ruths angespannte Nerven.

Augenblicklich tat ihr die Frau fast leid, und sie verspürte plötzlich das Bedürfnis, ihr etwas Gutes zu tun. „Ihre Galerie ist echt ein Saustall. Der ganze Boden war mit bunten Linien bemalt. Die Farbe war noch frisch.“

Frau von Hofstett nickte müde. „Morgen ist Ausstellungseröffnung, ich weiß nicht mehr, wo mir der Kopf steht.“ Ihr Blick verlor sich in der Ferne.

„Das wird schon. Ich hab hier wieder klar Schiff gemacht. Der Boden glänzt wie noch nie.“ Ruth streckte sich stolz.

Die Galeristin trat auf sie zu. „Sie wissen wenigstens, was Arbeiten bedeutet. So was gibt es heute selten.“

Ruth nickte. Vielleicht war ihr Gegenüber doch nicht so verkehrt. Sie wischte sich die Stirn mit dem Ärmel und zog den Putzwagen mit der anderen Hand zu sich. „Na, dann. Hals- und Beinbruch.“

Frau von Hofstett wandte sich zum Gehen. Abrupt hielt sie inne und drehte sich langsam um. „Welchen Boden haben Sie zum Glänzen gebracht?“

Ruth hielt ihr triumphierend die Putzpantoffeln entgegen. „Ich habe das ganze Zehner-Set verbraucht, um die Linien vom Boden zu bekommen. Welcher Idiot da rumgeschmiert hat, ist mir ein Rätsel. Aber nicht mit mir! Keine Sorge, jetzt ist alles wieder im Lack.“

Ihr glückliches Lächeln erstarb, als Frau von Hofstett, weiß wie die Wand, ohnmächtig auf den Boden sank.





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