Gastbeitrag von Kay Ganahl: In einer Linie


Im militärischen Kasernenleben gibt es ja auch etwas zu erleben: die Langeweile. Sie hat in uns schnell Einzug gehalten – die Lebensgefahr eher nicht. Das ist recht gut so. 

Der einfache Soldat bedarf aber durchaus nicht des Mitgefühls im Dienstalltag, kann er doch die Perspektive für eine Berufskarriere, wenn er sich bemüht, auch sehen! Alles beginnt mit dem Ausbildungs-Drill, den Herablassungen der Vorgesetzten inmitten des Grau in Grau der Räumlichkeiten, so dass die ernüchternde Erkenntnis unvermeidlich ist, wirklich nur einer von vielen Wichten zu sein. 

„Was hat den größten Wert? Der Befehl und der Gehorsam!“ Wir können es immer wieder hören. Deshalb weiß es sicher jeder. 

„Wer hat das Sagen? Immer nur der Vorgesetzte!“ Das weiß jeder von uns! Die Vorgesetzten sind uns die Liebsten, ohne sie kämen wir gar nicht voran. Sie geben uns alles vor. 

In unserem Militäralltag herrscht die absolute Geradlinigkeit vor. Wir wissen, was wir unserem Land schuldig sind. Die anbefohlene Einhaltung aller Normen ist selbstverständlich. Deshalb kann die Langeweile als echtes Erlebnis angesehen werden, denn das Erleben besteht darin, uns ihrer voll bewusst zu werden. Zum Beispiel das akribische Reinigen der Spinde ist einfach nur toll. Und wenn sie abgenommen werden, dann können uns die runtermachenden Schreie der Vorgesetzten von Erkenntnis zu Erkenntnis führen. 

Der Alltag ist dermaßen öde … 

„In einer Linie angetreten!“, hörte sie, die gute Martha. Sie war frisch dabei, Offiziersanwärterin. Der Befehl konnte gar nicht überhört werden, so laut war er. Der Oberst hatte sich gerade machtvoll und autoritär vor dem Bataillon aufgestellt. Er war immer am lautesten von allen, der große Bedeutende. Unbeliebt. Mit feurigem Haar und glänzenden Frontzahnreihen. 

Alle hier, sowieso die Mannschaftsdienstgrade, nahmen es hin. Sie hatten es eh immer nur hinzunehmen. Na ja, es kam keine Angst mehr auf. Die Unteroffiziere waren jetzt erstarrt und ihre Blicke waren eiskalt. 

Martha wagte dann unauffällig einen sehr flüchtigen Blick in Richtung Sonne, die in diesem Moment durch die Wolkenberge lugte. Sie sagte zu sich, dass es nun einmal ihr Job sei, angetreten zu sein – den eigenen Körper vorschriftsmäßig still zu halten, also wortlos und bewegungslos in der Linie zu stehen. Noch war sie selbstbewusst, die Langweile hatte sie nicht ganz runtergezogen. Tatsache, sie konnte sich durchaus allerlei Erfolgshoffnungen hingeben! 

Ein roter Schmetterling flog von der Seite zu ihr, ohne dass sie sich viel dabei dachte, aber er setzte sich einfach auf ihre rechte Schulter, weshalb sie aus dem rechten Augenwinkel heraus das Tierchen permanent Beobachtungen unterzog, während der Oberst als der Bataillonskommandeur seine Ansprache an die Truppe ungerührt fortsetzte. Der Schmetterling blieb dort sitzen, als wäre es sein Stammplatz für die kommenden Tage. Und als es hieß „Auf die Stuben wegtreten!“, da griff ihn Martha blitzschnell von der Schulter weg. In ihrer linken Hand hielt sie ihn verborgen. 

Auf ihrer Stube sah sie ihn sich genauer an. Ein „Herzallerliebst!“ entfuhr ihr. Sie fand das Tierchen sehr niedlich und erfreute sich an ihm. Glücklicherweise war sie dort ganz allein, jedenfalls hatte sie während ihrer Suche nach Abhörtechnik keine Hinweise auf irgendeinen Eingriff, eine technische Installation entdecken können. Sie nahm sich nicht übermäßig wichtig, doch heutzutage ist keiner mehr sicher vor allen erdenklichen Maßnahmen von Diensten. Wachsamkeit ist auf jeden Fall angesagt. Misstrauen muss sein. So ohne Weiteres hätte Martha gar nicht das Tierchen mit auf die Stube nehmen dürfen, aber sie konnte nicht anders. 

„Du bist mein bester Freund!“, stellte Martha fest. Aber aus Freund kann auch schnell Feind werden! So dass bei sehr detaillierter Untersuchung des Tierchens seitens Martha dann herauskam, dass es sich nicht um ein echtes Tier seiner biologischen Art handelte, sondern um ein technisches Miniaturvehikel, mit dem Martha konfrontiert wurde. Voll funktionsfähig, aber momentan still und unbewegt. Natürlich war Martha überrascht und verstand nichts. Das ist gut nachvollziehbar, ist es doch sicherlich nur sehr selten so, dass sich Dienste in Kosten stürzen, um in einer Kaserne Verwirrung zu stiften. 

Bei Martha schafften sie dies allerdings nicht! Sie nahm den Schmetterling, um ihn zunächst beim MAD-Vertreter im Bataillon, einem Major, zu melden. Dieser blickte auf das „Wunderwerk der Technik“ und schmunzelte. Meinte zu Martha: „Wussten Sie etwa nicht, dass wir unsere Kameraden mit Tierattrappen überwachen?“ 

Gelächter im Dienstzimmer.

Kommentare